Die Barockkirche St. Gregorius Am Elend zu Köln – von den Kölnern kurz „Elendskirche“ genannt, feiert ihr 250-jähriges Bestehen. Dabei ist die Elendskirche nicht nur ein Gebetshaus, sondern sie ist auch ein Ort, um den sich Legenden ranken, der Köln geprägt und kölsche Sprichwörter hervorgebracht hat – und sie ist ein Ort, der für ein besonderes familiäres, ehrenamtliches Engagement steht.

Dafür bedankte sich Bürgermeister Dr. Ralph Elster ausdrücklich während eines Festakts: „Die Familie de Groote hat unsere Stadt dabei nicht nur um ein schönes Bauwerk, um ein weiteres Gotteshaus bereichert. Köln hat dadurch auch ein sichtbares, steingewordenes Zeugnis großartigen bürgerschaftlichen Engagements geschenkt bekommen.“

Die Skulpturen des Hochaltars und der Seitenaltäre waren vor dem Krieg in Sicherheit gebracht worden.

Tatsächlich ist die Elendskirche der einzige größere, geweihte Sakralbau in Köln, der sich nicht im kirchlichen Besitz, sondern im Privateigentum einer Familie befindet – namentlich der Familie Groote. Seit fast 350 Jahren setzt sich die Familie für diesen besonderen Ort ein. Ihren Anfang nahm die Geschichte, als Jacob der Jüngere de Groote im Jahr 1676 während eines Sonntagsspaziergangs vor den Toren der Stadt sah, wie ein Hund an den Knochen eines dort verscharrten Toten nagte.

Bestattung der „Elenden“

Denn an der Stelle, an der heute die Elendskirche steht, befand sich im Mittelalter ein Friedhof außerhalb der Stadtmauern, auf dem verstorbene Ehrlose – „Elende“ – bestattet wurden. Solche Ehrlose konnten Menschen mit wenig geschätzten Berufen wie Henker, Abdecker oder Bader sein, aber auch Menschen, die Selbstmord begangen hatten oder hingerichtet worden waren sowie Menschen auf der Durchreise wie Pilger und Kaufleute. Darüber hinaus wurden aber auch die bei der Neubelegung von Gräbern der überfüllten Kölner Friedhöfe ausgegrabene Gebeine zum Elendsfriedhof transportiert und dort unter freiem Himmel in Regalen gelagert.

Das ist die Westansicht mit der Vorkriegsempore.

Um diesem „Elend“ ein Ende zu machen, ließ Jacob der Jüngere de Groote nach seinem eindrucksvollen Sonntagsspaziergang eine Mauer mit eisernem Tor um den Friedhof ziehen. Später erweiterte er die Kapelle des Friedhofs, die nach und nach immer mehr Gläubige anzog. Im Verlauf gründete sich eine Stiftung um die beiden Provisoren Everhard Anton Jacob Balthasar de Groote und Maria Franz Jakob Gabriel de Groote, die 1765 mit dem Neubau der heutigen Kirche begannen. Vom Vatikan wurde die Kirche 1780 als „independenter permaneat“ also als fortdauernd unabhängig eingestuft.

Einige Katastrophen hat die Kirche inzwischen überstanden: Die Eisflut 1784 und die Bomben des Luftangriffs 1943. Dem Einsatz der Familie von Groote und ihrer Stiftung aber auch der Menschen im Severinsviertel ist es zu verdanken, dass die Elendskirche wieder aufgebaut und bis heute immer wieder restauriert wurde. Aktuell steht die Restaurierung des Daches im Fokus der Arbeiten, um das Bauwerk zu erhalten, in dem das Ende des Lebens und die Vergänglichkeit so präsent sind, gleichzeitig der Tod aber auch vom Glauben besiegt werden kann.

Bürgermeister Dr. Ralph Elster betonte: „Im Namen der Stadt Köln noch einmal ganz herzlich bei allen Unterstützern, insbesondere der Groote’schen Familienstiftung, dem Freundeskreis, dem Erzbistum Köln, auch dem Landschaftsverband Rheinland und den vielen Freundinnen und Freunden für ihr großartiges Engagement im Sinne der Elendskirche bedanken.“

Die Rede im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Constantin von Groote
Liebe Alexandra Gräfin von Wengersky,
Liebe Mitglieder des „Förderverein St. Gregorius Am Elend zu Köln e. V.“,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste.

Lieber Domkapitular Pfarrer Dr. Meiering, das war ein ganz wunderbarer Gottesdienst, der uns allen viel Freude bereitet hat und uns Kraft schenkt für die kommende Zeit. Noch einmal ganz herzlichen Dank dafür.

Wir haben heute gleich mehrere besondere Anlässe, die uns an diesen einzigartigen Kölner Ort mit großer Geschichte und Kultur führen: Wir feiern das 250-jährige Bestehen dieser wundervollen Barockkirche St. Gregorius Am Elend zu Köln und gleichzeitig das zehnjährige Bestehen des Freundeskreises, der sich um den Erhalt dieses Ensembles bemüht.

Zu diesen beiden besonderen Jubiläen darf ich Ihnen im Namen der Stadt Köln und unserer Oberbürgermeisterin Henriette Reker ganz herzlich gratulieren.

Begegnungsstätte

Meine Damen und Herren, dieser Ort, die Elendskirche, wie sie im Volksmund genannt wird, ist nicht einfach nur ein Gebetshaus, sondern es ist ein Ort, der für ein familiäres, ehrenamtliches Engagement steht, das schon seit Generationen weit über das normale Maß hinausgeht. Dies ist ein Ort, der seit fast 350 Jahren mit der Familie von Groote verbunden ist und dem sich diese Familie auf besondere Art und Weise verpflichtet fühlt.

Die Elendskirche ist ein Ort der – obwohl eine Oase der Ruhe inmitten des quirligen Severinsviertels – Menschen zusammenführt und als Begegnungsstätte fungiert. Dies ist ein Ort der Kirche und Bürgerschaft verbindet. Es ist der einzige größere, geweihte Sakralbau in Köln, der sich nicht im kirchlichen Besitz, sondern im Privateigentum einer Familie befindet.

Ort, der Köln geprägt hat

Es ist ein Ort, der Köln geprägt hat, um den sich Legenden ranken (Casanova), der kölsche Sprichwörter in die Welt gesetzt hat (Der kölsche Volksmund sagt zu sehr dünnen Menschen: „Dä süht us wie de Zerot vum Elend“ (Mit Zierrat ist das Skelett über dem Kircheneingang gemeint.) und typische Kölner Traditionen verkörpert. Werfen wir aber einen Blick in die Vergangenheit und schauen wir viele hunderte Jahre zurück:

Im Mittelalter war es undenkbar, verstorbene Ehrlose innerhalb der von den Stadtmauern stark begrenzten Flächen zu beerdigen. Ehrlos waren Menschen mit wenig geschätzten Berufen vom Henker über den Abdecker bis hin zum Bader. Unabhängig von Beruf und Stand führten auch Selbstmord und Hinrichtung zum Verlust der Ehre. Hier wurden aber auch Menschen bestattet, die auf der Durchreise starben, beispielsweise Pilger oder Kaufleute, die durchaus reich und angesehen sein konnten.

Diese Menschen wurden als „Elende“ bezeichnet, was sich von Ellende herleitete, was damals für „anderes Land“ und „Verbannung“ stand. Für alle diese Verstorbenen hatten mittelalterliche Städte eigene Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern. Hier, im Bereich eines alten Stadtgrabens, an einer eher abgelegenen Stelle, fanden solche Menschen in Köln ihre letzte Ruhestätte.

Elendsfriedhof

Dieser sogenannte Elendsfriedhof wird schon um das Jahr 1335 erstmals erwähnt. Sicherlich haben aber die Bestattungen schon deutlich früher an dieser Stelle stattgefunden. Über seine Rolle als Kirchhof für Ehr- und Heimatlose hinaus, hatte der Elendsfriedhof auch noch weitere Funktionen. So fanden hier beispielsweise in späterer Zeit sogar getötete Kölner Stadtsoldaten ihre letzte Ruhestätte.

Vor allem aber wurden bei der Neubelegung von Gräbern der überfüllten Kölner Friedhöfe die ausgegrabenen Gebeine zum Elendsfriedhof transportiert und dort unter freiem Himmel in Regalen gelagert. Vermutlich wurde auf dem Kirchhof bereits 1473, also vor fast 550 Jahren, ein erstes kleines Gebetshaus errichtet, auf dessen Fundamenten der heutige Kirchenbau ruht.

Sonntagsspaziergang

Viele Jahre später kam der Friedhof mit dem Gebetshaus eher zufällig in das Blickfeld der Familie de Groote: Jacob der Jüngere de Groote (1627 – 1681) sah im Jahr 1676 während eines Sonntagsspaziergangs vor den Toren der Stadt wie ein Hund an den Knochen eines dort verscharrten Toten nagte. Um diesen unwürdigen Zustand zu beenden, ließ er daher den Friedhof noch im selben Jahr mit einer Mauer und einem eisernen Tor einfrieden.

Ein Jahr später erweiterte er die St. Michaelskapelle des Friedhofs um zwei Seitengänge mit Altären. Dies zog so viele Besucher an, dass die Kapelle wieder ein Jahr später nochmals vergrößert und mit einem Glockenturm versehen wurde. Der vergrößerte Bau wurde nun zusätzlich auch dem Papst und Kirchenlehrer Gregor dem Großen geweiht.

Neubau

Über die Jahrzehnte wurde die Kapelle baufällig und vor allem auch für die Menge der Gläubigen zu klein, weil sich inzwischen an der Elendskirche eine florierende Bruderschaft angesiedelt hatte. Zwischenzeitlich war eine Stiftung gegründet worden und die beiden damaligen Provisoren, die Brüder Everhard Anton Jacob Balthasar de Groote (Kanonikus von St. Gereon und St. Maria im Kapitol) und Maria Franz Jakob Gabriel de Groote begannen schon 1765 mit dem Neubau der heutigen Kirche, die dann vor 251 Jahren fertiggestellt werden konnte.

So kam es also, dass wiederum dank der Familie de Groote knapp hundert Jahre nach der Erweiterung der einstigen Friedhofskapelle ein veritabler Kirchenbau an selbiger Stelle errichtet werden konnte und das ist auch der Grund für die heutige Feier dieses prachtvollen Bauwerks, in dem das Ende des Lebens und die Vergänglichkeit so präsent sind, gleichzeitig der Tod aber auch vom Glauben besiegt werden kann.

Zeugnis bürgerschaftlichen Engagements

Die Familie de Groote hat unsere Stadt dabei nicht nur um ein schönes Bauwerk, um ein weiteres Gotteshaus bereichert. Köln hat dadurch auch ein sichtbares, steingewordenes Zeugnis großartigen bürgerschaftlichen Engagements geschenkt bekommen. Und wenn man sich über die besondere Haltung und die außergewöhnliche, über zahlreiche Generationen anhaltende Motivation der Familie de Groote für die Elendskirche klar zu werden sucht, stößt man sehr schnell auf die bewegte Familiengeschichte.

Die Wurzeln der Familie de Groote liegen in der Region Brügge und Gent. Sie waren dort erfolgreiche Kaufleute, die auch schon damals Verantwortung in Kirche und Gesellschaft übernahmen. Gerhard de Groote zum Beispiel, der im 14. Jahrhundert lebte, nahm bedürftige Menschen in seinem Haus auf, gründete den Orden der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ und gab mit seinen theologischen Schriften und der Ausrichtung auf die Unterrichtung von Laien wichtige kirchliche Impulse.

Flucht nach Köln

Der spanisch-niederländische Krieg brachte dann große Veränderungen für die Familie, die im ausgehenden 16. Jahrhundert in ihrer Heimat als katholische Christen verfolgt wurde und deshalb nach Köln floh. Angekommen in unserer Stadt hat die Familie de Groote dann im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Ratsherren und immerhin auch fünf Bürgermeister hervorgebracht – einer davon war der schon erwähnte Maria Franz Jakob Gabriel de Groote.

Mitglieder der Familie haben auch in der Katholischen Kirche und der Kölner Universität bedeutende Ämter bekleidet. Meine liebe ehemalige Ratskollegin Alexandra Gräfin von Wengersky ist übrigens die erste Ratsfrau in der Familiengeschichte gewesen!

Mühsal nicht vergessen

Das Schicksal der Flucht, die Mühsal „Ellende“ zu sein, haben die de Grootes jedenfalls nicht vergessen, wie man an der Elendskirche erfahren kann, aber auch an den zahlreichen Einzelstiftungen und Spenden der Familie, in denen es in den vergangen Jahrhunderten um die theologische Ausbildung, die Ausstattung und Instandhaltung der Kölner Kirchen, das Lesen von Messen, aber auch um die Armenfürsorge ging.

Die Art und Weise wie sich die Familie von Groote im 17. und 18. Jahrhundert an ihr eigenes Familienschicksal erinnerte, hat schon damals ein besonderes Verantwortungsgefühl für unsere Stadtgesellschaft deutlich gemacht.

Fortdauernd unabhängig

Mehrfach in ihrer Geschichte stand die Elendskirche in der Gefahr, säkularisiert zu werden oder ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Es gelang der Familie aber immer, die Kirche in ihrer besonderen Rolle zu bewahren und schließlich wurde sie vom Vatikan 1780 als „independenter permaneat“ also als fortdauernd unabhängig eingestuft.

Auch Naturkatastrophen wie z.B. die große Eisflut im Jahre 1784 hat die Kirche überstanden. An der Ostseite der Kirche sieht man in 1,80 Meter Höhe den damaligen Rheinpegel markiert und es wird deutlich, wie hoch das Wasser der großen Eisflut damals gestiegen ist.

Wiederaufbau

Erst die Bomben des Luftangriffs am 29. Juni 1943 zerstörten das Gotteshaus bis auf die Außenmauern und hätten fast dessen Ende bedeutet. Die Skulpturen des Hochaltars und der Seitenaltäre waren zwar glücklicherweise zuvor in Sicherheit gebracht worden. Als das Gebäude dann aber in Flammen stand, ist es mutigen Nachbarn zu verdanken, dass viele historische liturgische Gegenstände wie Monstranzen, Kelche und Leuchter gerettet werden konnten. Dieser selbstlose Einsatz der Menschen aus dem Severinsviertel zeigt, welche Bedeutung die Elendskirche für das Viertel hatte.

Der keineswegs selbstverständliche Wiederaufbau begann dann in den Jahren 1952/53 und am 22. März 1967 wurde die Kirche schließlich von Josef Kardinal Frings wieder geweiht. Von einer völligen Wiederherstellung des Originalzustands war und ist die Kirche jedoch immer noch weit entfernt. In den 1990er Jahren wurden die Fassade der Kirche mit ihren Reliefs sowie das Dach und die Fenster erneut restauriert.

Einsatz seit 350 Jahren

Ab 2013 wurde an der Restaurierung des Innenraums gearbeitet, ab 2020 dann auch an der Restaurierung und Bepflanzung des Innenhofs mit dem Eingangstor und seinen Resten des mittelalterlichen Friedhofs. Alles Maßnahmen, die der Stiftungsfonds der Familie von Groote bestritten hat, die aber auch vom Land NRW und vom Erzbistum Köln finanziell unterstützt worden sind.

Meine Damen und Herren, seit 350 Jahren kümmert sich die Familie von Groote als Trägerin ehrenamtlich um den Bestand und um die Unterhaltung von St. Gregorius Am Elend – eine Aufgabe, die heutzutage möglichst breiter Unterstützung bedarf. Neben der Familien-Stiftung bringt deshalb seit dem Jahr 2012 nun auch der Freundeskreis Menschen zusammen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Elendskirche zu erhalten.

In den kommenden Jahren wird die Erneuerung des Daches in den Fokus rücken, eine recht kostspielige Angelegenheit, die weitere Unterstützung verdient hat und wir alle sollten Alexandra Gräfin von Wengersky helfen, diesen nächsten Meilenstein in der Geschichte der Elendskirche zu erreichen.

Weiter im Glanze

Wenn Du, liebe Alexandra, mit Begeisterung von Deiner Familie von Groote sprichst und für diese Kirche wirbst, ist es kaum möglich, sich der Faszination dieses Bauwerks und der Familie zu entziehen. Das sind beste Eigenschaften, um beim Dachprojekt rasch zum Erfolg zu kommen. Die gleiche Begeisterung trägt auch Constantin von Groote, der als Provisor senior der Familienstiftung jedes Detail der Elendskirche kennt und sein Wissen in spannenden Führungen gerne an Interessierte weitergibt.

Sehr geehrte Damen und Herren, zum Schluss darf ich mich im Namen der Stadt Köln noch einmal ganz herzlich bei allen Unterstützern, insbesondere der Groote’schen Familienstiftung, dem Freundeskreis, dem Erzbistum Köln, auch dem Landschaftsverband Rheinland und den vielen Freundinnen und Freunden für ihr großartiges Engagement im Sinne der Elendskirche bedanken. Ich bin mir sicher, dass bei so viel Wohlwollen die Kirche auch weiterhin im Sinne des Vatikans „permaneat“ im Glanze erstrahlen wird.

Ich wünsche nun allen eine schöne Jubiläumsfeier und allseits gute Unterhaltung.

Fotos: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons, Johann Peter Weyer, Public domain, via Wikimedia Commons